Vom Messias zum Judas

Zu Beginn dieser Kolumne zuerst einmal ein Brief eines enttäuschten Fans – der gerne anonym bleiben möchte – an den Ex-Trainer des 1. FC Köln:

Sehr geehrter Herr Daum,
darf ich Sie an eine Aussage erinnern die Sie lediglich fünf Tage vor ihrem Rücktritt beim 1. FC Köln getätigt haben? „Wir arbeiten natürlich daran, dass wir eine erfolgreiche Zukunft mit dem 1. FC Köln haben und darauf freue ich mich.“ Natürlich wird hier nicht davon gesprochen, dass diese Zukunft mit Ihnen als Trainer stattfindet, natürlich nicht. Dann möchte ich Sie auch noch an die Worte erinnern, die Sie von sich gaben, als Sie zum FC kamen: „Dieser Verein ist für mich eine Herzensangelegenheit!“. Daraus kann ich nun mehr eigentlich nur folgern, dass ihr Herz einem Tresor gleicht und Herzensangelegenheiten mit Geld befriedigt werden. Anders ist dieser Wechsel nicht zu erklären.
Herr Daum, Sie haben einen großen Fehler gemacht. Sie haben Ihrem Verein, Ihren Fans das Herz gebrochen. Sie haben Verzweiflung, Trauer und vor allem unvorstellbare Wut ausgelöst. Weniger aufgrund des sportlichen Verlusts von Ihnen als Trainer – der dennoch hoch ist, Ihre Leistung soll nicht geschmälert werden – sondern vielmehr aufgrund der Art und Weise wie Sie diesen, Ihren geliebten Verein verlassen haben. Völlig überraschend, aus dem nichts haben Sie einfach gekündigt, im letzten Augenblick, nicht einmal persönlich. Wir Fans durften das ganze aus der Bild-Zeitung erfahren. Aus der BILD-Zeitung! Wie heißt es immer so schön im Fußball? „Die Dinge sollten erst einmal intern geregelt werden.“ Selten habe ich eine so schwache Vorgehensweise erlebt. Ihr Verhalten spiegelt in keinster Weise das eines echten Fans, der mit dem Herzen an den Club gebunden ist wider. „Mer Schwöre Dir he op Treu un op Iehr!“. Ja, die Ehre, die haben Sie in ganz Köln verloren und einige Freunde noch dazu. War es das wert? Für 1,5 Millionen mehr auf dem Konto? Sportlich haben Sie den FC weitergebracht, keine Frage. Menschlich hingegen haben sie versagt! Viel Glück auf Ihrer weiteren Trainerlaufbahn kann ich Ihnen leider nicht mehr wünschen. Bei mir haben Sie sämtliche Sympathien, jegliches Ansehen – und das war hoch angesiedelt – verspielt. Das Kapitel Daum und FC ist wohl für immer abgeschlossen und uns echten Fans bleibt nur zu hoffen, dass diese Ihre hinterhältige Aktion nicht noch eine langen Schwanz an Problemen nach sich zieht und dass Sie alleine, ja am Ende ganz alleine den Verein nicht in eine seiner größten Krisen gestürzt haben.
Durch dick un durch dünn – janz ejal wohin!
Nur zesamme simmer stark – FC Kölle!
Ein enttäuschter Fan.

So. Jetzt haben wir auch mal einem FC-Fan zu Gehör verholfen. Und sonst? Mittlerweile haben alle Vereine der ersten Liga – bis auf den FC – ihre neuen Trainer gefunden. Erfreulich, dass wir Jupp Heynckes auch in Zukunft bei der Arbeit beobachten dürfen. Nun in Leverkusen, bei einem Verein vom Rhein. Das passt besser als München. Labbadia hingegen zieht es nach Hamburg. Könnte auch gut funktionieren. Gladbach hat in Michael Frontzeck einen Meyer-Nachfolger gefunden, der diesem zwar qualitativ nicht das Wasser reichen kann, aber vielleicht eine Investition in die Zukunft ist. Vielleicht aber auch eine Investition in den Abstieg, wenn Frontzeck sich nicht weiterentwickelt. Michael Skibbe startet sein nächstes Bundesliga-Experiment bei Frankfurt, was die meisten FC-Fans erleichtert aufatmen ließ. Hier kristallisieren sich nun Slomka und Soldo als die Hauptfavoriten auf den Trainerstuhl heraus. Bleibt zu hoffen, dass schnell eine Entscheidung getroffen wird und der Verein damit einen dicken Schlussstrich unter das Schreckenskapitel Daum ziehen kann.

2 comments

  1. Georg sagt:

    So sehr einem der anonyme, enttäuschte Fan auch leid tun kann, so sehr kann ich ihn auch wiederum nicht verstehen!

    So ist es wohl in Colonia: die Fähigkeit den Messias als Judas zu enttarnen ist hier nicht erfunden worden. Eine Prise Show-Faktor für die Unterhaltung, einen Hauch Tradition für die Emotionen und schon hatte Herr Daum vom Krankenbett aus eine Welle der Euphorie ohnegleichen ausgelöst. Plötzlich waren Worte wie Ewigkeit, Himmel und Messias in aller Munde. Viva Colonia!

    Plötzlich war alles vergessen. Der Kölsche ließ die Vergangenheit Vergangenheit sein und gewährte Christoph Daum die Führungsrolle auf seiner Arche, deren frühe Vergangeneheit von einem ständigen Auf und Ab auf den harten Wellen der Bundesliga geprägt war.

    Ein Christoph Daum sollte das Ruder übernehmen und den FC vorerst wieder in seichte Gewässer führen. In ein paar Jahren sollte die Arche aber schon wieder in voller Pracht erstrahlen. Dort, wo sich die Spreu vom Weizen trennt. Dieser Christoph Daum war aber schon damals selbst ein immer wieder vom Sinken bedrohtes Wrack. Noch kurz zuvor im türkischen Exil von einer dubios unaufgeklärten Kokain-Affäre genesen (wo war Günter Wallraff da eigentlich, wenn man ihn mal braucht?), sollte er plötzlich für eine Wiedergeburt der wahren Werte im kölschen Fußball sorgen. Für wen dies schon damals keinen schlechten Beigeschmack hatte, der ist nun eines Besseren belehrt worden.

    Besser spät als nie. Es ist wohl Zeit für einen neue Arche mit einem neuen Noah. Diesmal sollte man aber nicht vergessen zurückzuschauen, denn aus Fehlern lässt sich lernen.

    P.S. Es gab auch durchaus schon andere Noahs in Köln die einen Aufstieg geschafft haben. Christoph Daum hatte nur einen großen Unterschied: seine beste Freundin, den Express, die ihm immer wieder schön den dreckigen Füße mit feinstem Öl wusch.

  2. Tobi sagt:

    Du schilderst ganz richtig, dass die ganze Szenerie, das ganze Drehbuch wie Daum Trainer wurde und wie dieser seinen Trainerjob erfüllte natürlich optimal zum kölschen Herz passte. Dennoch wünschte sich der nun enttäuschte Fan auch, dass dieser Zustand so bleibt. Und er glaubte Christoph Daum, dass er bereit dazu war den FC als seine letzte Trainerstation in seine Biografie aufzunehmen. Denn das vermittelte Daum, gegenteiliges wurde nie kommuniziert. Das ist vom Fan auch nicht naiv!

    Es wäre überhaupt kein Problem gewesen, wenn Daum von Anfang an deutlich gemacht hätte, dass seine Mission mit dem jetzigen Stand erfüllt ist und er dann einen anderen Weg weitergeht (vgl. Podolski, dem nam auch niemand in Köln übel, dass er nach Größerem strebte). Natürlich kann man verstehen, dass ein „Startrainer“ andere Ambitionen hat, als im Mittelfeld der Liga rumzudümpeln.

    Noch einmal zur Betonung: Es geht lediglich um die Art und Weise wie Daum sich hier „verabschiedet“ hat. Das passt einfach nicht ansatzweise zu seinen vorigen „Herzensangelegenheits“-Schilderungen. UND – damit komme ich glaub ich zum Kern deiner These – das war auch nicht ansatzweise für den FC-Fan zu erwarten, weil es eben nicht zur kölschen Mentalität passt, die man bei Daum berechtigterweise, trotz seiner Vorgeschichte vermutete!